Kubismus vs. Dynamik

Im TS-Forum läuft derzeit ein schöner Vergleich eines alten Cabrios aus den 80er Jahren (#6627) mit dem hochaktuellen Cabrio aus dem nagelneuen Polizei-Verfolgungsset (#3648). Dies brachte mich auf die Idee, mal ein wenig darüber zu sinnieren, wieso die Autos aussahen und -sehen, wie sie aussahen und -sehen.

Fakt ist, dass (fast) nichts ist, wie es mal war. Die heutigen Automodelle sind, neben der gewachsenen Größe – dies ist auch ein wenig, wie im echten Autoleben – auch mittlerweile viel dynamischer anzuschauen. Gerade dieser roter Flitzer aus dem neuen Polizeiset ist ein Paradebeispiel dafür, was heutzutage formentechnisch möglich ist. Doch warum? Es gibt eine Vielzahl an abgerundeten Steinen, neuen Spezialteilen und natürlich viel mehr Farben und damit Kombinationsmöglichkeiten. Aber das ist nicht das eigentliche Warum. Eher lässt es sich mit der Zeit erklären. Denn wie alles, unterliegen auch die Entwicklungen bei LEGO® dem Zeitgeist. In den 80er Jahren waren echte Autos verhältnismäßig klein, eckig und eine wahre Schrankwand im Wind. Heute, im 21. Jahrhundert, gleichen PKWs massiven Blechmonstern mit aerodynamisch perfektioniertem Blechkleid. Die Luft umspielt förmlich die fließenden Formen der Designobjekte im Straßenverkehr. Indivualität ist angesagt. So war und ist es auch bei den Modellen aus Dänemark. Sie sind gewissermaßen Abbilder ihren jeweiligen Epoche. Und hier kommt auch wieder die gewachsene Größe ins Spiel: mehr Raum bedeutet auch mehr Möglichkeiten den zusätzlichen Raum zu gestalten; und eine bessere Handhabung für Kinderhände – denn LEGO® ist nach wie vor ein Kinderspielzeug. Der Zeitgeist ist für LEGO® ein Mischung aus Modellwachstum in Kombination mit der Vielzahl an neuen Bauteilen.

Doch wie war es früher? War früher alles anders? Ja! War früher alles besser? Jein! Es gab gerade am Anfang des minifig’schen Zeitalters nur fünf gängige Farben: Weiß, Gelb, Rot, Blau, Althellgrau und Schwarz. Erst (sehr viel) später kamen Dunkelgrau und Grün als weitere (baubare) Farben hinzu. Und man musste dann gar noch 20 Jahre warten, ehe es endlich auch Autotüren in grün gab. Das schränkte die Kombinationsvielfalt bereits erheblich ein. Aber dennoch schafften es die Entwickler mit den begrenzten Mitteln (und Farbkombinationen) ähnliche ausschauende Modelle in einen völlig neuen Kontext zu stellen.

Die neu etablierten Sonderteile für den Fahrzeugbau sorgten dann auch für einen wahren Boom in der Lego-Classic-Town-Geschichte: endlich konnten Figuren hinter dem Steuer Platz nehmen und ein Auto „lenken“. Die 4x10er PKW-Bodenplatte, die 4x5er Kotflügelplatte, die genoppten und glatten Kotflügel, die Autotüren, die SNOT-Steine, die als Lampensteine Verwendung fanden, oder auch die Klappdächer sind nur einige der Sonderteile aus dem neuen Fahrzeugbau. Sie schufen das hübsche, kubistische „Gesicht“ der Classic-Town-Reihe.

Es geht aber auch anders. Das ist dann etwas aufwändiger und kommt auch ohne Neuteile nicht aus.

Oder bautechnisch eher traditionell als SUV-Version:

So könnte es auch gehen. Nur ist der Teilebedarf ungleich höher, als bei den klassischen Bausätzen aus den 80ern. Aber MOCcern ist die Anzahl der verwendeten Steine ja zum Glück egal.

Könnte glatt eine Weiterentwicklung des 80-Jahre-Designs sein: Pickup-MOC auf Basis der Idee von Pierre Normandin.

In Sachen Bespielbarkeit bleiben allerdings heutige Fahrzeugemodelle teilweise hinter ihren alten Vorfahren zurück. Früher gab es klappbare Motorhauben, durchgängig Fahrzeugtüren oder auch die Klappdächer für einen besseren Zugang zum Innenraum. Heute drängt sich einem der Gedanke auf, dass die Bausätze für die Bespielung möglichst robust sein müssen, alles andere ist sekundär. Auch vermisst man bei den jüngst wieder eingeführten (1x3x1) Fahrzeugtüren eine durchgängige Linie im laufenden Programm – mal hat ein Modell Türen, dann wiederrum nicht. Und Klappdächer sucht man vergebens. Optik ist nicht alles.

Aber eines hat sich in all den Jahrzehnten der Entwicklung nicht geändert. Die Modelle (insbesondere die PKWs) basieren nach wie vor auf einer Plattform, aus denen sich im Verlaufe der Montage die unterschiedlichsten Modelle herauskristallisieren. Damals wie heute…

Dieser AFOL eingefärbte Gedankengang ist nicht wirklich objektiv, aber wir „alten Hasen“ empfinden so.

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9 Gedanken zu “Kubismus vs. Dynamik

  1. Wenn ich mir das alles so ansehe – stimmt, früher waren die Autos noch so richtig quadratisch, eckig und zum größten Teil eben mit Klappdächern versehen. Allerdings sehen die Frontscheiben bei den heutigen Fahrzeugen teilweise weitaus „flacher“ aus als damals.

    So ein bisschen hänge ich noch an den „Autos“, speziell den LKWs wie z.B. aus der 370er Serie von 1972. Die Laster hatten eine Lochplatte als Dach mit einem Radstab. So hatten sie eine lenkbare Vorderachse.

    • farnheim schreibt:

      Stimmt, die großen LKWs kenne ich auch noch. Ich glaube, als Kind mal einen besessen zu zu haben. Zumindest kann ich mich an bestimmte Teile erinnern.

  2. Hi Maik,

    Toller Artikel! Ein paar Anmerkung hätte ich – Natürlich :). Früher waren Kinderhände klein und vorsichtig genug, mit den kleinen 4 breiten Autos zu spielen, ohne dass alles zu Bruch geht. Dass in den 6 breiten Autos mehr Platz ist, für zusätzliche Details (oder was auch immer), ist unbestritten. Aber leider wird dieses zusätzliche Platzangebot ja von den Designern überhaupt nicht genutzt: Keine bespielbaren Motorhauben oder vllt sogar Kofferräume. Nein ganz im Gegenteil, kaum Türen und die Klappdächer wurden wegoptimiert (es gibt, glaub ich, sogar Modelle, dessen Türen sich wg. der breiten Kotflügel gar nicht öffnen lassen).

    Zu den Farben und Formen, es ist schon ertsaunlich, welche Vielfalt die Designer in den 80ern aus den paar Farben und Formen rausgeholt haben (hier ist als interessante Variante der Shelltransporter aus dem Parkhausset 6394 nicht zu unterschlagen). Die neuen Farben (nicht zu vergessen die orangen Türen) und Formen (die ja teilweise durch die gottseidank immer noch 4 breiten Racersets in Umlauf kommen) sind natürlich nicht zu verachten! Aber die kann man ja auch für unseren „fortgeführten“ 80er Stil nutzen. Wieso Lego die Breite auf 6 ziehen musste, ist mir immer noch nicht klar – sind die Kinder heute wirklich so Grobmotoriker? Oder „Does size really matter?“. Die Abschaffung der Klappscharniere kann ich da schon eher nachvollziehen. Mit der Einführung der Rastscharniere für StarWars gab es 2 Scharniersysteme und Lego wollte aus Kostengründen wieder auf eins reduzieren (falsche Entscheidung übrigens, da beide Scharniere unterschiedliche Zwecke haben, aber das nur am Rande).

    Dein roter Flitzer sieht sehr chic aus – aber auch der ist doch nur glatzentauglich, oder?

    Gruß, Ralf

    • farnheim schreibt:

      Hi Ralf – natürlich! 😉 Und da gebe ich Dir, bis auf die Kinderhände, uneingeschränkt recht.
      Denn die Kinderhände waren damals auch nicht größer oder kleiner als heute, und feinmotorisch und in Sachen Sensibilität gibt’s da auch keinen Unterschied.
      Aber Fakt ist, und da sind wir und einig, hat man mit wenig Mitteln und Möglichkeiten eine unglaublich Fahrzeugvielfalt mit teilweise spannenden Detaillösungen geschaffen.
      Von den Gebäuden, wie das Parkhaus (das ja bis heute einzigartig ist) mal ganz zu schweigen.

      • Cran schreibt:

        Hi Maik,

        da hast Du mich aber grundsätzlich falsch verstanden, ich glaube auch nicht, dass die Kiddies in den 80er geschickter waren, oder kleinere Hände hatten – das war von mir ironisch gemeint :D.

        Allerdings habe ich schon den Eindruck, dass unser bevorzugter Spielwarenhersteller – und damit steht er nicht allein – den Kindern von heute weit weniger zutraut, als den Kindern in den 80ern. Dies bezieht sich vor allem auf den Faktor Geduld, bzw. wie „schnell“ sich ein Erfolg einstellen muss – aber das ist wahrscheinlich der schnelllebigeren Zeit geschuldet… Aber wenn man mal alte und neue Anleitungen vergleicht, sind einzelne Bauschritte heute weitaus einfacher – weniger Teile pro Schritt. Auch ein Zeichen, dass die Kinder heute anders eingeschätzt werden. Dass diese Einschätzung falsch ist, sehe ich an meiner fast 4-jährigen Tochter!

        Gruß, Ralf

      • farnheim schreibt:

        Ach so… Mensch. Verpeilt! 😉 Ich glaube ja, dass heutzutage den Kindern nicht weniger zugetraut wird, sondern der, wie Du schon richtig anmerktest, der schnelle Bauerfolg und die damit verbundene sofortige Bespielbarkeit. Aber gut, das kannst Du besser beurteilen als ich. Denn ich habe keine Kinder.
        Bei den neuen Anleitungen ist es mir auch schon aufgefallen, dass man für jeden zu steckenden Stein eine Abbildung hat. Früher waren Autos in acht Schritten fertig zusammengebaut und heute muss man sich durch wahre Anleitungsbibeln blättern. Meine Güte… manchmal ist weniger eben mehr! :-/

        Grüßchen,
        Maik

  3. Mo schreibt:

    die Kombination aus neuen und alten Elementen finde ich sensationell gelungen. Hab das auch gleich mal wieder ausprobiert, mit 18 hab ich mein Lego glücklicherweise ja noch in meinem Zimmer ;D
    Ich muss ja ernsthaft gestehen, dass ich mit diesen ganzen 6-10Steinen breiten Sets, die es heute immer gibt, wirklich gar nichts anfangen kann. Ich hab mir gleich mal bei ebay die schönsten der 4er-Modelle nachgekauft, bin leider etwas zu jung, um diese im Original zu besitzen.
    Der blog hat mich wieder auf viele tolle Ideen gebracht, danke dafür!

    • farnheim schreibt:

      Danke für den Kommentar. Es freut mich sehr, wenn meine Modelle Inspirationsquell und Ideengeber sind. Vielen Dank.

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